Daheim

Daheim mit Freunden macht aus der Wohnung ein Zuhause

Ich finde es ist an dieser Stelle eine lohnende Tätigkeit einmal über die Begriffe Heimat, Zuhause und vor allem Daheim mit Freunden zuhause einige Betrachtungen anzustellen. Es macht eben einen Unterschied wie Tag und Nacht, gerade wer als Kosmopolit in der Welt zuhause ist ist, sucht gelegentlich Identität. Aus diesem Anlass ist es naheliegend zu fragen, was man daheim mit Freunden machen kann? Im Falle von PAMOJA Gemein.gut Kaffee lautet die Antwort gemeinsam daheim Kaffee zubereiten. Dazu möchte ich im Kapitel „8 Tipps für guten Kaffee“ Hinweise geben wie es gelingen kann. Aber, gleichzeitig möchte ich versuchen diese oftmals nicht fassbaren Begriffe in den Kontext von Kaffee und seiner Herkunft und Verwendung als kulturelles Gut zu stellen.

Am Anfang steht die Einladung

Jeder von uns wird ja irgendwie bejahen, dass dort wo unsere Wurzeln sind gleichzeitig unsere Heimat ist. Im gleichen Moment ist genau das die Frage: Welche Wurzeln haben wir noch angesichts der weltweiten Austauschbarkeit und Beliebigkeit in einer Welt, in der das Handy das immergültige Zuhause in der Hosentasche schafft? Wer braucht da noch Wurzeln? Diese Frage stellen sich übrigens nicht nur wir Zivilisationsmüden. Eine Vielzahl von Kaffeebauern, die diese Effekte der Ausgrenzung tagtäglich am eigenen Leib erfahren stellen sich ebenso diese Fragen. Was vermissen sie, was vermissen wir? Sicher nicht die gleichen Seinszustände oder Dinge. Auch wenn wir sie in vereinfachender Weise mit genau den Begriffen Heimat, Daheim und Zuhause gleichsetzen.

Daheim und unterwegs

In einem vielbeachteten Essay spricht Daniel Schreiber von Heimat als einer Illusion. Wer denkt da nicht sofort an die virtuelle Welt in der wir leben? Anlässlich eines Interviews mit der Tageszeitung Die Welt wählt dieser Autor ein Cafe als Treffpunkt: ein Zufall, ist es ein Daheim mit Freunden zuhause? Oder vielmehr Ausdruck dessen, dass es so viele Sehnsuchtsorte gibt, die den Spalt zwischen Provisorium und fester Bleibe ausfüllen? 

Ein Sprichwort besagt, die Heimat stirbt auf Reisen. Ich glaube nicht, dass dies für jeden zutrifft. Allein wenn man an die Kultur des Mitbringsels denkt, an Gegenstände also, die man fortan zur Ausschmückung des Heims fest in die Inszenierung Wohnung integriert. Spätenstens dann sollte man das Sprichwort ergänzen: die Heimat stirbt auf Reisen und feiert im selben Moment ihre dauernde Auferstehung. Aber es geht nicht von alleine. Es gehören Mühen dazu und der Wille, den Freunden daheim etwas zu bieten und auf diese Weise den Begriff Freundschaft im 21. Jahrhundert mit Leben zu erfüllen. Der moderne Mensch verbindet alles, seine alte Höhle mutiert zur Schaltzentrale seines Seins, das er gemeinsam mit allerlei technischen Spielereien verwaltet. Gerade aus diesem Grund sollte Wertschätzung immer spürbar bleiben.

Lade ein und existiere

Nur wer Einladungen ausspricht existiert und wird wahr genommen, denn was einer ist definiert sich nicht zuletzt daran wie er wohnt und was er in seinen eigenen vier Wänden mitzuteilen hat. Kaffee erfüllt für diese schwierige Aufgabe mehrere Funktionen und zwar hevorragend. Bestenfalls wurde er selbst beim Kleinbauern eingekauft und mühevoll über Ländergrenzen hinweg importiert bis an den Bestimmungsort Zuhause.

Heimat ist nicht zuletzt Wissen um die Dinge, die uns umgeben. Dies sind oftmals ungewünschte, schmerzliche Erfahrungen. Gerade auf dem Land, wo es keine wärmende Anonymität geben darf, weil sonst der soziale Kitt zu bröckeln beginnt und sie austrocknet. Aber Wissen ist es auch, das uns hilft ein Zuhause zu bestimmen. Mit meinem Wissen etwa um die richtige, um die gute Zubereitung einer Tasse Kaffee, richte ich bereits meine Wohnung ein ohne gegenständlich sein zu müssen. Denn die Übereinkunft ist so: nur dort, nur an dieser Stelle und unter den definierten Umständen kann es überhaupt gelingen eine perfekte Tasse Kaffee anzufertigen.

Die neue Heimat – wo Begriffe austauschbar sind, ist kein Zuhause

Wo diese Übereinkünfte austauschbar sind, ist das Zuhause nur noch ein relativer Begriff von Heimat. Wer etwa ein bestimmtes Café einer amerikanischen Kaffeehauskette als sein Zuhause bezeichnet ist eigentlich schon verloren, rettet sich aber über die Möglichkeit der Duplizität der Ereignisse einer guten Tasse Kaffee, reproduzierbar zuhause im privaten Umfeld. Wobei man sagen muss eine Rettung wie diese ist eigentlich nur eine Rettung zweiter Klasse. Man kann zwar ein Haus einrichten, aber ein Zuhause schaffen erfordert größere Anstrengungen. Was hindert den post-aufgeklärten Menschen eigentlich daran, nur zuhause seinen Kaffee zu zelebrieren und dafür aber in einer quasi-öffentlichen Veranstaltung alle seine Freunde und sogar einige seiner ärgsten Feinde einzuladen? Dann fühle ich mich daheim, mit Freunden zuhause gestalte ich so mein Leben.

Von Äthiopien lernen, heißt frischen Kaffee schätzen

Beispiele für gelungene Übereinkünfte mit ausreichend sozialem Kitt gibt es genug. Schauen wir dabei doch einmal nach Äthiopien, wo die traditionelle Kaffeezeremonie nahezu alles abdeckt, was das Daheim im besprochenen Sinn abdeckt: es gibt Rituale zur Begrüssung, zur Zubereitung und zum Genuss des Kaffees. Man schätzt sich, man achtet sich. Hier zählt das Ankommen und das Da-Sein der Gäste ebenso wie die Achtung gegenüber der Gastgeberin und ihrer gesamten Familie. Daheim mit Freunden zuhause, darin liegt die besondere Würze afrikanischer Gastfreundschaft.

Viele Probleme können in dieser Atmosphäre besprochen, Missverständnisse zerstreut und Rivalitäten beendet werden. Der Heimatbegriff führt hier zur Rückbesinnung auf die gemeinsamen Wurzeln. Dies tritt umso deutlicher hervor als in Äthiopien die Trennung von seinen Liebsten und das Vermissen durch schlechte Verkehrsverbindungen ebenso starke  wie banale Alltagsmotive sind.

Wir selbst hindern uns daran Tradition und Moderne zu verbinden

Wir in unserer hektischen Welt leben diese Probleme, wenn auch auf unsere Art nach, mit Arbeitsmigration auf andere Kontinente und Entwurzelung. Generationen eher auf wackligen Umzugskartons denn daheim im kitschigen Ambiente einer bequemen und satten Alltagskultur.  Es ginge viel besser, wäre man mit der Familie daheim, mit Freunden zuhause schafft man es jedoch irgendwie auch. Wie dringend hätten wir doch nötig bei den Äthiopiern die traditionelle Kaffeezeremonie abzuschauen und dann täglich hunderttausendfach zu kopieren. Konkret und zwar im eigenen Heim. Lieber reisen wir, lassen unsere eigene Heimat in uns so sterben, erfinden die Heimat einfach nicht mehr neu, sondern belassen es bei einem lebenslangen Suchen nach ihr.

Wie recht hatte Vilem Flusser als er schrieb, „Man hält die Heimat für den relativ permanenten, die Wohnung für den auswechselbaren, übersiedelbaren Standort. Das Gegenteil ist richtig: Man kann die Heimat auswechseln oder keine haben, aber man muss immer, gleichgültig wo, wohnen. Der Mensch kann überall wohnen: unter den Pariser Brücken, in Zigeunerkarawanen, in den Hütten der Paulistaner Favelas (Anm. Flusser hatte einige Jahre in Sao Paulo gelebt) und sogar in Auschwitz. Er ist wie die Ratte – kosmopolitisch…“.

Wir machen das jetzt. Anders